Eine geführte Reise durch die deutschen Haftanstalten

„Es heißt, dass man eine Nation erst dann wirklich kennt, wenn man in ihren Gefängnissen gewesen ist. Eine Nation sollte nicht danach beurteilt werden, wie sie ihre höchsten Bürger behandelt, sondern ihre niedrigsten“, so formulierte es einmal der Freiheitskämpfer und ehemalige Präsident von Südafrika Nelson Mandela.

Die erfahrenen Anwälte Mehmet Daimagüler und Ernst von Münchhausen geben in ihrem Buch „Mangelhaft“ Einblicke in das Leben in Haft. Wie sieht es hinter den Mauern deutscher Strafanstalten aus und welche Geschichte steckt in ihnen? Was ist dran an Schlagworten wie Luxusknast und Kuscheljustiz? Und warum geht alle Bürger die Frage an, wie man die „niedrigsten Bürger“ behandelt? Wie eine Gesellschaft tickt, wie menschlich oder mitfühlend sie ist, erkennt man an ihrem Umgang mit den Ausgestoßenen. Die Beschreibung der Haftanstalten in diesem Buch bietet nicht nur einen Blick auf den Alltag der Insassen, sondern gestattet einen klaren Blick auf das, was die Gesellschaft wirklich ist. Dieses Werk bietet Beschreibungen und Berichte aus deutschen Gefängnissen und gibt Antworten auf die Fragen: Was sind das für Institutionen, was sagen die Gefangenen zu „ihrem“ Knast? Wie ist das Essen, wie sehen die Zellen aus? Welche Besonderheiten bietet jeder Knast?

„Vorher war die Anlage eine Burg gewesen, dann ein Augustinerkloster und zuletzt ein Jagdschloss. Diese illustre Vorgeschichte erklärt auch, warum die JVA eine eigene alte Kirche besitzt. So eine richtige Kirche mit Turm und Glocke.“ So beschreiben die beiden Autoren die „Mutter aller Gefängnisse“, die JVA Waldheim. 1716 als Zucht-, Armen- und Waisenhaus gegründet, ist es heute das älteste noch aktive Gefängnis in Deutschland. Einer der berühmtesten „Gäste“ war Karl May, der wegen Hochstapelei und kleinerer Diebstähle einsaß. Heute sitzen 392 männliche Ersttäter ihre Strafe ab, die von 188 Bediensteten betreut werden. Im offenen Vollzug stehen 18 Plätze zur Verfügung.

Haftstrafen und der damit verbundene Freiheitsentzug sind der größte Eingriff in die Rechte eines Menschen. Glücklicherweise wissen die wenigsten Menschen, was eine Haft in der Realität bedeutet. Zehn der gängigsten Mythen werden auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht, wie beispielsweise, dass die Haftbedingungen in der Untersuchungshaft weniger schlimm seien oder dass man für seine Arbeit hinter Gittern mies bezahlt werde. Wer schon immer einmal wissen wollte, was „einen Affen schieben“, „Aquarium“ oder „Ufo“ in der Gefängnissprache heißt, wird im angehängten „Knastwörterbuch“ aufgeklärt.

Das Buch „Mangelhaft“ liest sich wie ein Reiseführer durch die deutschen Gefängnisse. Von der JVA Bautzen bis zur JVA Waldheim werden die markantesten Anstalten in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt. Die Autoren geben Einblicke in die unterschiedlichen Haftbedingungen. Vielleicht soll das Buch künftige Mandanten auf das Schlimmste vorbereiten? Aber auch wer keinen Zwangsurlaub auf Staatskosten plant, kann sich mit diesem Werk einen realistischen Eindruck von einer Welt verschaffen, in der er – hoffentlich – nie selbst leben muss. Gleichzeitig regt es auch zum Nachdenken an: Ist die geltende Strafpraxis tatsächlich zielführend? Widerspricht sie nicht dem Ziel der Resozialisierung? Denn, wie soll ein Mensch sozialer werden, wenn man ihn seiner sozialen Umgebung entreißt?

Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler wurde 1968 als Kind türkischer Gastarbeiter geboren und studierte Rechts- und Verwaltungswissenschaften, Volkswirtschaftslehre und Philosophie. Er ist als Strafverteidiger, Dozent für Menschenrechte und Buchautor tätig. Im NSU-Verfahren vertrat er die Opferfamilien Özüdogru und Yasar. Mitautor Ernst Freiherr von Münchhausen wurde 1966 in Detmold geboren und ist Rechtsanwalt, Autor und Verleger. Er vertritt regelmäßig Nebenkläger in den Prozessen gegen ehemalige SS-Männer. Das Buch ist im Blessing Verlag erschienen, umfasst 272 Seiten und ist für 22 Euro im Buchhandel.

Text: Lisa Hofmeister

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