Ein Leben nach dem (inszenierten) Tod

„Ich glaube nicht, dass Sie Sammy Went gekidnappt haben. Ich denke, dass Sie Sammy Went sind.“ Die gelernte Fotografin Kim Leamy ist Lehrerin am Northampton Community College und führt ein eher langweiliges Leben, ohne viel Aufregung. Aus heiterem Himmel taucht ein Fremder auf, der ihr Leben völlig auf den Kopf stellt: Er behauptet ihr Bruder zu sein, dass ihr wirklicher Name Sammy Went laute und sie vor 28 Jahren in einer Kleinstadt in Kentucky entführt worden sei. Kim hält das für einen schlechten Scherz oder eine Verwechslung, hat sie doch hier in Australien eine geborgene Kindheit verbracht. Ihre Mutter kann sie nicht mehr fragen, sie war zuvor an Krebs verstorben und hat die Wahrheit mit ins Grab genommen. Ihr Stiefvater Dean hüllt sich in Schweigen.

Von einem auf den anderen Tag ändert sich alles. Mit neuer Identität beschließt Arthur, seinen tatsächlichen Lebensabend in der Toskana zu verbringen – allerdings ohne seine Ehefrau. Zu Beginn scheint auch alles noch recht glatt zu laufen, doch das wird sich bald ändern. Der Roman bietet dem Leser allerlei Möglichkeiten, wie man sich aus dem Leben stehlen kann. Mit viel Ironie und schwarzem Humor schafft es Hendrik Groen eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig trifft den Leser aber wieder die harte Realität, wenn die Probleme des Ehelebens der beiden thematisiert werden. Denn so glücklich scheinen Arthur und Afra nicht mehr miteinander zu sein. Vor allem wenn der unerfüllte Kinderwunsch zum Thema wird. Gerade Afra kämpft damit. „Schau mal da, ist ja lustig, der Babydump. Da kann man seine Babys entsorgen“, bemerkt Arthur als sie an einem Geschäft für Babysachen vorbeifahren. Seiner Frau schießen sofort die Tränen in die Augen und auch Arthur wird bewusst, wie blöd seine Aussage war. In Afra kommt in solchen Momenten der ganze Schmerz wieder hoch, ihr Mann ist dabei keine große Hilfe und eigentlich sei es ihr sowieso lieber, wenn er nicht zu Hause ist. Aber das sagt sie ihm natürlich nicht. In solchen Momenten würde vielleicht mehr Menschen der Gedanke kommen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. So einfach scheint es aber nicht zu sein, denn am Ende holt einen die Vergangenheit immer wieder ein. Wie auch Arthur.

Alleine die vielen Kleinigkeiten die zu berücksichtigen sind und auch wirklich alle Eventualitäten zu bedenken, um möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Der Autor schafft es durch seine satirische und humorvolle Art, den Leser zum Lachen aber auch zum Nachdenken zu bringen. Groen lässt einen in die Gedanken Arthurs blicken, mit all seinen unerfüllten Träumen und Wünsche, die jeder hat. Aber auch seine Frau Afra kommt in einigen Kapiteln zu Wort und schnell wird klar, dass sie so manches anders sieht. Bei all der Heiterkeit ist man dazu gezwungen, seine eigenen Lebensumstände zu hinterfragen, sie zu zerlegen und zu analysieren.

Nach seinen gefeierten Bestsellern „Eierlikörtage“ und „Tanztee“ entwirft der niederländische Kultautor Hendrik Groen mit Arthur Ophof einen Mann, wie einen jeder kennt. Und schildert dessen Ausbruch aus der Midlifecrisis und Vorstadtidylle mit so viel Empathie und schwarzem Humor, dass man Arthur glatt in sein zweites Leben folgen will. Hendrik Groens erstes fiktives Tagebuch „Eierlikörtage“ wurde 2014 in über fünfunddreißig Ländern zu einem großen Erfolg. In den Niederlanden gründeten sich Hendrik-Groen-Fanclubs, die auch „Tanztee“, sein zweites Tagebuch, zu einem Bestseller machten und beide Bücher den NS Publieksprijs bescherten. Mit „Lieber Rotwein als tot sein“ veröffentlicht der Autor seinen ersten Roman. Die deutsche Übersetzung übernahm Wibke Kuhn. Das Buch ist im Piper Verlag erschienen, ist 320 Seiten lang und das Hardcover ist für 20 Euro im Buchhandel erhältlich.

Text: Lisa Hofmeister
Bild: Dingolfinger Anzeiger, 27. Juni 2020

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