Buchtipp: Das Kaiserreich – Deutschland unter preußischer Herrschaft

Dez 31, 2018 | Buchtipp, Dingolfinger Anzeiger

Als sich die Welt rasant beschleunigte

„Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung“. Als sich Kaiser Wilhelm II. um das Jahr 1900 derart skeptisch über die Erfindung des Autos äußerte, schien ihm die wirtschaftliche Entwicklung recht zu geben. Ingenieur Carl Benz hatte schon 14 Jahre vorher auf den von ihm entwickelten Motorwagen ein Reichspatent erhalten, aber niemand zeigte Interesse an dem Ge.fährt. Eher die Zeichen der Zeit er.kannte das Brockhaus Konversationslexikon im Jahr 1896: „Zunächst lassen sich mit Motorwagen größere Geschwindigkeiten erreichen als mit Zugtieren. Dabei sind die Betriebskosten bei Motorwagen erheblich geringer als bei Pferdebetrieb …“

Von da an dauerte es nicht mehr lange, bis der automobile Sektor Rasanz entwickelte. 1914 waren in Deutschland fast 61 000 Personen.wagen gemeldet. Dass man damit nicht zwingend in eine bessere Zukunft fuhr, deutete der Schriftsteller Heinrich Mann in seinem Roman „Der Untertan“ an: Herrscher und Untertan fuhren aneinander vorbei. Das Automobil stand für das damals verbreitete Lebensgefühl, in einer sich beschleunigenden Welt zu leben.
Die Eroberung der Lüfte leistete diesem Gefühl Vorschub. Ein Menetekel war der 1908 von dem englischen Schriftsteller H. G. Wells verfasste Zukunftsroman „The War in the Air“. Sechs Jahre später begann der Krieg, in dem erstmals Zeppeline und Flugzeuge zum Einsatz kamen.

Eine Entwicklung, die 1888 ihren Anfang genommen hatte. In dem Jahr, das einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte darstellte: Auf Reichsgründer Wilhelm I. folgte für nur drei Monate Friedrich III., ein kranker Mann, der für liberale Ideen offen war. Dann kam Wilhelm II. an die Macht. Nach Einschätzung des britischen Historikers John C. G. Röhl war er zwar kein machtloser Schattenkaiser, seine Regentschaft war aber geprägt vom rücksichtslosen Ausbau seiner Herrschaft ebenso wie von seiner völligen Überforderung.

Es sind politische, wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Entwicklungen, die in den Beginn des Ersten Weltkriegs münden. Der Sammelband „Das Kaiserreich – Deutschland unter preußischer Herrschaft“ aus dem Spiegel Buchverlag beleuchtet diese Entwicklung aus einer Reihe unterschiedlicher Aspekte heraus. 28 Aufsätze, verfasst von Autoren aus Geschichtswissenschaft, Publizistik und Gesellschaft versetzen den Leser anschaulich in diese Kaiserreichszeit. Die Beiträge zeigen auf, aufgrund welcher Entwicklungen sich die deutsche Gesellschaft innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend veränderte. Dabei sind nicht nur die deutsche Außen- und Innenpolitik maßgeblich. Eine Rolle spielen auch die Entwicklungen in Kultur, Technik, Wirtschaft, im Recht und im sozialen Bereich und nicht zuletzt die emanzipatorische Frauenbewegung. Zur Sprache gebracht wird auch die fragwürdige Rolle der seinerzeitigen Militärs. Ein eigenes Kapitel ist dem mächtigsten innenpolititschen Gegner des Kaisers gewidmet: August Bebel, Führer der Sozialdemokratie. Er rühmte Karl Marx und träumte von Großdeutschland.

Eingeleitet wird das Buch mit einem Interview mit dem deutschen Historiker und Journalisten Michael Stürmer unter anderem zur These vom deutschen Sonderweg.

Uwe Klussmann/Joachim Mohr (Hrsg.): „Das Kaiserreich – Deutschland unter preußischer Herrschaft. Von Bismarck bis Wilhelm II. “ 272 Seiten, 6,95 Euro. ISBN 978-3-421-04665-9.

Winfried Walter