Buchtipp: Achtsam morden

Jul 2, 2019 | Buchtipp, DA-News, Dingolfinger Anzeiger

Morden – aber nach allen Regeln der Achtsamkeit

„Eins vorweg: Ich bin kein gewalttätiger Mensch. Ganz im Gegenteil. Ich habe mich zum Beispiel in meinem ganzen Leben noch nie geprügelt. Und den ersten Menschen habe ich auch erst mit 42 Jahren umgebracht. Was, wenn ich mich so in meinem heutigen beruflichen Umfeld umsehe, eher spät ist. Gut, in der Woche darauf hatte ich dann schon fast das halbe Dutzend voll.“

Björn Diemel, seines Zeichens Strafverteidiger und Anwalt in einer erfolgreichen Kanzlei, steckt in einer schwierigen Phase seines Lebens. „Der Tag hat zu wenig Stunden, ich kann nicht abschalten, ich bin dünnhäutig, ich bin gestresst, meine Frau nervt, ich sehe mein Kind nie und vermisse es. Wenn ich dann mal Zeit für mein Kind habe, bin ich in Gedanken immer woanders. Meine Frau würdigt meinen Job nicht, mein Job würdigt mich nicht.“

Kurz gesagt: Björn steuert zielsicher auf ein mustergültiges Burn-Out zu – bis ihn seine Frau zwingt, ein Achtsamkeits-Seminar zu besuchen. Und der Kurs zeigt sich erstmals als Erfolg, wenn Björn ein entspanntes Wochenende mit seiner Tochter Emily am See verbringen möchte.

Jedenfalls bis sein krimineller Mandant Dragan sich in das Wochenende einschleicht, indem er seinen Anwalt dazu zwingt, ihm bei der Flucht vor den Behörden zu helfen. Die Situation scheint zu eskalieren, bis Björn sich die Regeln des Seminars ins Gedächtnis ruft: „Je mehr Sie in einem Zeitraum erledigen wollen, desto mehr Stress empfinden Sie. Das nennt sich Multitasking. Überlegen Sie selber, was für Sie wichtig ist. Und erledigen Sie ausschließlich das.“

Die Entscheidung war also ganz klar: Während Björn und seine Tochter den Tag bei knappen 40 Grad am See genossen, musste „die Arbeit“ – in dem Fall Dragan – eben noch etwas länger im Kofferraum warten. „Ich glaube, als wir die ersten Marshmallows am Strand grillten, war Dragan wohl schon tot. Für Emily und mich war es ein toller Tag. Für Dragan sein letzter. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass Dragan aufgrund meines achtsamen Entspannungstages an einem Burnout verstarb.“

Mit Dragans Tod war er zwar den Bandenchef los – dessen Lakaien jedoch nicht. Und so entdeckt Björn nach und nach, dass sich die Regeln der Achtsamkeit ganz wunderbar auf das Morden anwenden lassen. Und mit jedem Mord wird er zufriedener und ausgeglichener – und das anfangs verhasste Seminar zahlt sich schließlich doch noch aus.

„Achtsam morden“ ist Karsten Dusses erster Roman. Dusse, 1973 in Essen geboren, ist bekannt als TV-Rechtsanwalt bei VOX. Die dargestellten Personen wirken stets authentisch und in gewisserweise auch sympathisch, was wohl nicht zuletzt der Tatsache geschuldet ist, dass der Autor selbst als Rechtsanwalt tätig ist.

Galgenhumor, treffende Pointen und anwaltliche Ratschläge treffen auf einen Krimi aus Verbrechen und Bandenkriminalität. Oder wie es Comedian Martina Hill beschreibt: „Ein Buch wie ein Wellnessurlaub. Nur vielseitiger. Und mit mehr Toten.“

Der Roman „Achtsam morden“ ist im Heyne Verlag erschienen, hat 415 Seiten und ist seit 10. Juni für 9,99 Euro im Buchhandel erhältlich.

Marina Liefke

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