Buchtipp: Alles still auf einmal

Apr 28, 2019 | Buchtipp, DA-News, Dingolfinger Anzeiger

„Einsam muss eine durchsichtige Farbe sein“

„PLOP – PLOP – PLOP“, hört der sechsjährige Zach, während er sich mit seiner Lehrerin und den Mitschülern im Wandschrank des Klassenzimmers versteckt. Das Unvorstellbare passiert – und zwar an einer Grundschule. Ein Amokläufer eröffnet das Feuer im Schulgebäude und tötet 19 Menschen, davon waren 15 noch Kinder. Unter ihnen war auch Andy, Zachs älterer Bruder, der einige Wochen zuvor seinen zehnten Geburtstag feierte.

Das eigene Kind zu Grabe zu tragen zählt ohne Frage zu den schlimmsten Ereignissen, die Eltern widerfahren können. Doch wie übersteht man solche Zeiten? Zach erlebt, wie seine Eltern Melissa und Jim – jeder auf eine eigene Art und Weise – versuchen, mit dem Verlust umzugehen und sich dabei selbst verlieren.

Als öffentlich wird, wer der Amokläufer war, findet Zachs Mutter einen Weg aus ihrer Lethargie und begibt sich auf einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen die Eltern des Täters. Außerdem droht die Ehe von Melissa und Jim wegen einer Affäre zu zerbrechen.

Zwischen Trauer, Wut, Rache und Lügen bleibt Zach, der nicht nur unter dem Verlust seines großen Bruders leidet, sondern auch den Amoklauf verarbeiten muss und oft nicht so recht versteht, was um ihn herum passiert, auf der Strecke. Und doch gibt der Sechsjährige nicht so schnell auf.

Geplagt von plötzlichen Angstzuständen und Wutanfällen findet er im Wandschrank seines Bruders Zuflucht und Schutz. Dort, in seinem Geheimversteck, kann er dem verstorbenen Andy aus seinen Lieblingsbüchern vorlesen und nach und nach seine vermischten Gefühle sortieren und farblich unterscheiden: „Einsam muss eine durchsichtige Farbe sein, fand ich, also eigentlich gar keine Farbe. Denn wenn man einsam ist, dann ist das, als ob man für andere Leute unsichtbar ist.“
Als er merkt, dass seine Familie endgültig zugrunde geht, schmiedet er einen waghalsigen Plan, um das Unheil abzuwenden: „Hör auf mit der blöden Angst. Es ist so weit, Zeit für deine Mission. Zeit, tapfer zu sein.“

„Alles still auf einmal“ ist der erste Roman der Newcomer-Autorin Rhiannon Navin. Die gesamte Geschichte wird aus der Sicht des Protagonisten Zach erzählt. Anfangs ungewohnt, findet man sich Seite für Seite immer mehr in die Denkweise des Sechsjährigen ein und wird auf eine ganz besondere Weise durch seine Worte berührt. Klar wird, dass Kinder viel mehr mitbekommen und verstehen, als man denkt. Trauer und Hoffnung halten sich die Waage und so ist es nicht überraschend, wenn bei dem ein oder anderen Leser die Tränen fließen.

Die Autorin Rhiannon Navin wuchs in Bremen auf und arbeitete in verschiedenen New Yorker Werbeagenturen. Heute schreibt sie nicht nur Bücher, sondern ist auch Vollzeit-Mutter von drei Kindern, zwei Katzen und einem Hund. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Familie außerhalb von New York City. Die Inspiration zu „Alles still auf einmal“ fand sie, als sich ihr Sohn unter dem Küchentisch „vor dem bösen Mann“ versteckte. An diesem Tag wurde in der Vorschule geübt, wie man sich während eines Amoklaufs zu verhalten hat. „In welchen Zeiten leben wir, dass man Fünfjährigen beibringt, sich vor dem bösen Mann zu verstecken?“, fragte sich Rhiannon Navin und begann damit, Zachs Geschichte zu schreiben.

Der Roman ist im dtv-Verlag erschienen, hat 384 Seiten und ist seit dem 18. April für 15,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

Marina Liefke

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