Eine Reise in die eigene Vergangenheit

„Ich glaube nicht, dass Sie Sammy Went gekidnappt haben. Ich denke, dass Sie Sammy Went sind.“ Die gelernte Fotografin Kim Leamy ist Lehrerin am Northampton Community College und führt ein eher langweiliges Leben, ohne viel Aufregung. Aus heiterem Himmel taucht ein Fremder auf, der ihr Leben völlig auf den Kopf stellt: Er behauptet ihr Bruder zu sein, dass ihr wirklicher Name Sammy Went laute und sie vor 28 Jahren in einer Kleinstadt in Kentucky entführt worden sei. Kim hält das für einen schlechten Scherz oder eine Verwechslung, hat sie doch hier in Australien eine geborgene Kindheit verbracht. Ihre Mutter kann sie nicht mehr fragen, sie war zuvor an Krebs verstorben und hat die Wahrheit mit ins Grab genommen. Ihr Stiefvater Dean hüllt sich in Schweigen.

Für Kim beginnt eine Reise in die eigene Vergangenheit. Sie packt ihre Sachen und fliegt in die Heimatstadt von Sammy Went, um dem Geheimnis ihrer Kindheit auf den Grund zu gehen. Sie lernt unter anderen ihre leibliche Mutter kennen, die einer religiösen Sekte mit fragwürdigen Ritualen angehört. Man könnte meinen, nach so langer Zeit würde sie sich freuen, ihre verschollene Tochter wiederzusehen, aber es kommt alles anders als erwartet. Die Erfahrungen von Kim in der Gegenwart, werden durch Kapitel aus der Vergangenheit unterbrochen. Sie beginnen an dem Tag, als Sammy Went aus dem eigenen Haus entführt wird. Die ganze Familie geht mit dem Verlust des kleinen Mädchens ganz unterschiedlich um. Immer mehr Details kommen ans Tageslicht, die jedem ein Motiv geben, Sammy verschwinden zu lassen. Und auch die Anhänger der „Church of the Light Within“ scheinen tiefer in der Sache verwickelt zu sein, als sie zugeben. Die Wahrheit, die Kim findet, ist verstörend – und tödlich.

Der Leser begleitet eine junge Frau auf einer Reise mit vielen Überraschungen. Er wird zwischen den Zeiten hin- und hergeschickt. Zuerst sitzt Kim zusammen mit ihrer Familie im Wohnzimmer in Australien und erzählt von dem Fremden der behauptet, sie sei vor fast 30 Jahren entführt worden. Im nächsten Moment wird man in die Vergangenheit versetzt und begleitet die leibliche Schwester Emma dabei, wie sie den Namen Sammy Went an eine Betonmauer kritzelt und sich wünscht, dass ihre kleine Schwester endlich verschwindet.

Danach geht es wieder zurück in die Gegenwart. Als dann noch ein ehemaliger Sträfling nach Hause zurückkehrt, ist das Chaos in der kleinen Stadt komplett und die Gerüchteküche brodelt. Im Lauf der Geschichte tauchen weitere Charaktere auf, mit ihrem ganz persönlichen Hintergrund und selbst der Leser ist nicht sicher, wer letztlich das kleine Mädchen verschleppt hat und vor allem warum. Der Roman hat eine eigene Dynamik, der durch den Wechsel zwischen den Zeiten entsteht. Man erfährt ständig etwas Neues über die Figuren und man muss einfach weiterblättern – auf der Suche nach dem Motiv für die Tat.

Christian White ist gebürtiger Engländer und ein international ausgezeichneter Drehbuchautor. Sein Debütroman „Das andere Mädchen“ (Originalausgabe: „The Nowhere Child“) wurde in seiner Wahlheimat Australien zum Überraschungsbestseller und die Film- und Übersetzungsrechte verkauften sich über Nacht. Der Autor lebt mit seiner Frau in Melbourne. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Conny Lösch. Der Roman erschien im Goldmann Verlag und ist für zehn Euro im Buchhandel erhältlich.

Text: Lisa Hofmeister
Bild: Dingolfinger Anzeiger, 30. März 2020

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